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Verstehen, weshalb Betroffene schweigen

Osnabrück – Am 16. November 2013 organisierten wir in Osnabrück einen großen Themenabend zum sexuellen Missbrauch von Kindern unter dem Titel "Verstehen, weshalb Betroffene schweigen".
Wir freuen uns sehr, dass wir hierzu die Münchener Autorin Anne Elisabeth Dobbs als Gast mit einem eigenen Programmpunkt bei uns begrüßen durften.

Viele interessierte Besucher fanden sich in den Räumlichkeiten der Universität ein, sodass kurz vor Beginn der Veranstaltung der Raum ausgefüllt war.

Die etwa 50 Besucherinnen und Besucher wurden von den Moderatorinnen aus der AG-Osnabrück, Katharina Kirchhoff und Susan Glaß, herzlich begrüßt und durch den gesamten Abend geleitet. In einem Grußwort betonte der Vorsitzende Thien An Tran die gemeinsame Verantwortung der Gesellschaft, das öffentliche Interesse auch nach den umfangreichen Aufdeckungen von Missbrauchsfällen im Jahre 2010 weiter aufrecht zu erhalten und sich kontinuierlich für den Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch einzusetzen.

In einer kurzen Einführung in die Thematik gab Susan Glaß einen Überblick über die aktuelle Situation in Deutschland. Retrospektive Dunkelfeldstudien zeigen, dass in Deutschland ca. 5 – 25 % der Frauen und 1 – 8 % der Männer von sexuellem Missbrauch in der Kindheit berichten. Detaillierte Statistiken können der Präsentation entnommen werden:


Im Anschluss an diese thematische Einführung trugen die Osnabrücker Mitglieder Daniel Hinrichsmeyer und Nicolas Anders in einer bewegenden Präsentation wörtliche Zitate von Betroffenen vor, die sich uns im Rahmen der Online-Kampagne "Offenes Ohr" anvertraut haben. Auf die Frage, was die drei wichtigsten Faktoren dafür seien, damit eine Betroffene/ein Betroffener bereit ist zu sprechen, antwortete eine Betroffene: "Vertrauen, Vertrauen, Vertrauen".

Daran anknüpfend lauschten die Besucherinnen und Besucher gespannt, als die 26-jährige Anne Elisabeth Dobbs von ihren eigenen Erlebnissen als Betroffene erzählte und aus ihrem eindrücklichen Buch "überleben." vorlas. Einen besonderen Schwerpunkt legte sie dabei auf die schwierige Zeit nach der Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs und der damit einhergehenden Belastung für sie und ihre gesamte Familie. Anne schilderte auch deutlich die negativen Erfahrungen, die sie im Laufe der strafrechtlichen Untersuchungen ihrer Missbrauchsfälle gemacht hat.
Nach der berührenden Lesung hatten alle Besucher noch viel Raum für Fragen an die Autorin, die sie alle bereitwillig beantwortete. Dabei zeigte sich, dass erfreulicherweise im Publikum auch eine Gerichtsgutachterin und weitere Fachleute (u.a. Psychologen, Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, Lehrer, Pädagogen) anwesend waren, die sich rege an der Diskussion beteiligten und Anne nach Botschaften und Anregungen für ihre Arbeit fragten. Dabei beeindruckte Anne durchweg mit ihrer gefassten, reflektierten Art und ihren klaren, konstruktiven Antworten. Wir bedanken uns nochmal ganz herzlich bei Anne Elisabeth Dobbs und freuen uns auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit!

Nachdem im ersten Teil des Veranstaltungsabends mit den Stimmen aus der Kampagne "Offenes Ohr" sowie mit den Schilderungen von Anne Elisabeth Dobbs vor allem Einblicke in konkrete Einzelschicksale gewährt wurden, präsentierte der Vorsitzende Thien An Tran nach der Pause nun auch wissenschaftliche Ergebnisse aus seiner psychologischen Diplomarbeit, der "ASA-Studie", die 240 Betroffene mit ihrer Teilnahme ermöglicht haben. Mit dem "Interaktiven ASA-Modell" zum sexuellen Missbrauch von Kindern wurde darin ein neues Modell entwickelt, das missbrauchsspezifische Attribution, Scham und Angst als die zentralen Faktoren postuliert, weshalb Betroffene schweigen und die gleichzeitig pathopsychologische Entwicklungen begünstigen (ASA-Syndrom). Es konnte ein dazugehöriger Fragebogen (ASA-I) konstruiert werden, der zuverlässig misst und sowohl PTBS- als auch depressive Symptome hochsignifikant vorhersagen kann. Weitere Ergebnisse im Detail können der Präsentation (s.o.) entnommen werden. Gemeinsam mit dem Publikum wurden insbesondere praktische Anwendungsmöglichkeiten für die Kinder- und Jugendhilfe sowie für die klinisch-psychologische Praxis diskutiert.
Thien An Tran bedankte sich nochmal explizit bei allen teilnehmenden Betroffenen und sonstigen Unterstützern der Studie und sicherte zu, dass die Ergebnisse aus dieser Studie nun dazu genutzt werden, um ein neues Präventionsprogramm aufzubauen, das sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche, die noch schweigen, frühzeitig erreichen kann.

Die erfolgreiche Veranstaltung wurde schließlich mit einer Kurzvorstellung von Make A Change abgerundet und unser Vorsitzender lud alle anwesenden Fachleute und Interessenten zur interdisziplinären Zusammenarbeit ein, um gemeinsam den Kinderschutz in Deutschland noch effizienter voranzubringen.

Die Ergebnisse aus der Kampagne "Offenes Ohr" werden vorgestellt.

Autorin Anne Elisabeth Dobbs erzählt ihre Geschichte als Betroffene.

Auch für das Wohl das leibliche Wohl der Gäste wurde gesorgt: Selbstgemachte Häppchen lockten...

... im Pausenraum.

Thien An Tran stellt die Ergebnisse der ASA-Studie vor.

Im Eifer des Gefechts vergaßen wir an dem Abend tatsächlich, Anne am Ende der Veranstaltung nochmal für Ihr Kommen und die tolle Zusammenarbeit zu danken. Das wurde am nächsten Tag sofort nachgeholt: Anne war als Ehrengast zur Mitgliederversammlung von Make A Change eingeladen.