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Hintergrundinformationen


Risikofaktoren

Es würde unsere Suche nach den Ursachen von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen einfacher machen, wenn wir sagen könnten, dass alle Sexualtäter Kinder aus reiner Trieblust sexuell missbrauchen und dass es sich bei den Tätern einfach um perverse Pädophile handelt, die eine krankhafte Sexualneigung zu Kindern haben.
Die Realität zeigt jedoch, dass 50% der Täter aus der Verwandtschaft kommen oder Bekannte des Kindes sind, die bis zur Tat wahrscheinlich nie sonderlich auffällig waren. Kommt der Missbrauchsfall dann ans Tageslicht, sind die meisten von uns geschockt und denken:
„Von ihm/ihr hätte ich das nie gedacht!“.

Nachfolgend werden verschiedene Risikofaktoren aus der psychologischen Forschung vorgestellt, die einen sexuellen Missbrauch begünstigen können. Dabei dürfen zwei wichtige Aspekte nicht aus den Augen gelassen werden:

Ausgereifte Modelle, die eine eindeutige Kausalität zwischen Ursachen und dem sexuellen Missbrauch belegen können, gibt es nicht, da i.d.R. viele verschiedene Faktoren zusammenwirken, die dann u.a. im sexuellen Missbrauch enden können.

Es muss immer klar bleiben, dass das Kind Opfer des sexuellen Missbrauchs ist und es keine Schuld oder Teilschuld trifft! Außerdem darf nie vergessen werden, dass die Täter ganz gezielt ihren deutlichen Reife- und Machtvorteil ausnutzen. So betont der renommierte US-amerikanische Soziologe David Finkelhor, dass es vier Vorbedingungen geben muss, damit es zum sexuellen Übergriff auf das Kind kommen kann (Finkelhor, 1986):

1) Ein Täter hat die Motivation zum sexuellen Missbrauch.
2) Der Täter hat seine eigenen Hemmungen bzgl. des sexuellen Missbrauchs überwunden.
3) Der Täter hat äußere Hindernisse überwunden.
4) Der Täter hat den Widerstand des Kindes überwunden.

Nachfolgend werden verschiedene Faktoren vorgestellt, die das Risiko für sexuellen Missbrauch von Kindern erhöhen können (vgl. Finkelhor, 1986; Putnam, 2003; Joraschky & Petrowksi, 2005):


a) Risikofaktoren beim Täter:

Pädophilie
Gemäß des ICD-10 (das internationale Klassifizierungssystem für Krankheiten) handelt es sich bei der Pädophilie um eine psychische Störung, die sich in der chronischen Sexualpräferenz für Kinder- meist vorpubertären Alters- äußert (World Health Organization, 1993). Die ausschließliche Neigung zum Kind schließt neben der sexuellen Begierde auch andere erotische Gefühle und „Liebesempfindungen“ für das Kind mit ein; das reicht von der Faszination des kindlichen Wesens bis zum Begehren des kindlichen Körpers (Lautmann, 1994). Die Betroffenen sind nicht in der Lage, die gleichen Gefühle für einen Erwachsenen zu empfinden (Lautmann, 1994).

Die Anerkennung der Pädophilie als eine psychische Störung hat in unserer Gesellschaft nach wie vor (verständlicherweise) großes Polarisierungspotential. Doch die Störung macht den Betroffenen nicht gleich zu einem Täter und nicht weniger zu einem Menschen. Eine absolute Tabuisierung dieser psychischen Störung wird wahrscheinlich eher dazu beitragen, dass sie mitsamt ihrer Ausprägungsformen immer weiter ins Dunkelfeld gerät und so die frühzeitige Erkennung und Behandlung der Betroffenen unmöglich wird.

Trotz dieser Überlegungen bleibt der Schutz der Kinder selbstverständlich an erster Stelle der Betrachtung. Wenn ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung missachtet und ihre Unschuld ausgenutzt wird, muss sofort interveniert werden.

Mangelnde Impulskontrolle, Alkohol- und Drogenmissbrauch
Das sexuelle Begehren eines Kindes allein reicht nicht aus, um die Gedanken tatsächlich in die Tat umzusetzen. Erst die mangelnde Fähigkeit, diese Impulse zu unterdrücken, was durch enthemmende Substanzen wie Alkohol oder Drogen zusätzlich erschwert wird, führt dazu, dass die eigene Hemmschwelle sowie die soziale Normen ignoriert und der Impuls in Handlung umgesetzt wird.

Eigene Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch
Einer Metaanalyse von Ferguson und Mullen (1999) zur Folge sind ca. 30% der Täter selbst Opfer sexuellen Missbrauchs gewesen (nach Engfer, 2005). Auch die Anerkennung dieser Tatsache birgt viel Polarisierungspotential, doch wir müssen klar erkennen, dass kein Täter nur als ein gefühlloser Schwerverbrecher angesehen werden kann, genauso wenig wie kein Täter nur als Opfer seiner Vergangenheit anzusehen ist.


b) Risikofaktoren in der Familie:

Andere Formen der Misshandlung
Wie bereits bei der Definition von sexuellem Missbrauch erörtert, treten die verschiedenen Formen der Misshandlung oft nicht isoliert voneinander auf, sondern überlappen sich sowohl zeitlich wie auch in den Gewaltformen. Eine frühzeitige, effektive Betreuung vulnerabler Familien ist daher von unschätzbarem Wert und kann viele Kinder vor größerem Schaden schützen.

Abwesenheit der Eltern
In vier von fünf Studien fand Finkelhor (1986) einen starken Zusammenhang zwischen der außerhäuslichen Berufstätigkeit der Mutter und dem sexuellen Missbrauch.
Gleichzeitig zeigen Studien, dass Kinder häufiger Opfer sexuellen Missbrauchs wurden, wenn sie ohne ihren leiblichen Vater lebten (Finkelhor, 1986).

Schlechte Beziehung zur Mutter
Mit erstaunlich hoher Konsistenz zeigt die Befundlage einen starken Zusammenhang zwischen einer schlechten Beziehung zur Mutter und dem sexuellen Missbrauch (Finkelhor, 1986). Hier sei nochmal darauf hingewiesen, dass die Richtung dieses Zusammenhangs nicht eindeutig geklärt ist: Begünstigt die mangelnde Obhut der Mutter den sexuellen Übergriff oder ist die schlechte Beziehung zur Mutter eine Folge der sexuellen Übergriffe zu Hause? Die letztgenannte Option darf nicht unterschätzt werden.

Konflikte zwischen den Eltern
Auch hier ist die Befundlage weitestgehend konsistent: Sexuell missbrauchte Kinder berichten von mehr Konflikten zwischen ihren Eltern (Finkelhor, 1986).

Stieffamilien
Mädchen, die in einer Familie mit Stiefvätern leben, werden häufiger Opfer von sexuellem Missbrauch (Finkelhor, 1986). Diese beziehen sich jedoch nicht allein auf den sexuellen Übergriff durch den Stiefvater, sondern das Risiko scheint allgemein erhöht zu sein.

Soziale Isolation
Gerade bei den inzestuösen Fällen sexuellen Missbrauchs kommt ein Rückzug aus dem Sozialleben häufig vor (Joraschky & Petrowksi, 2005). Auf diese Weise wird das „Geheimnis“ der Familie vor der Öffentlichkeit bewusst versteckt.


c) Risikofaktoren beim Kind:

Geschlecht
Siehe Zahlen und Fakten zum sexuellen Missbrauch: Mädchen sind etwa dreimal so häufig von sexuellem Missbrauch betroffen wie Jungs. Gleichzeitig weisen verschiedene Studien darauf hin, dass sexuelle Übergriffe auf Jungen schlechter repräsentiert sind, da mehr Fälle unaufgedeckt bleiben.

Alter
Siehe Zahlen und Fakten zum sexuellen Missbrauch: Mit einem Anteil von 82% aller Opfer sind Kinder der Altersgruppe von 6 bis unter 14 Jahren besonders gefährdet.

Behinderung
Kinder mit körperlicher oder geistiger Behinderung werden häufiger sexuell missbraucht (Kvam, 2000; Putnam, 2003). Hier kommt das ganze grauenvolle Gesicht dieser Straftat besonders deutlich zum Ausdruck: Die Abhängigkeit und die Hilflosigkeit von Kindern werden maßlos von den Tätern ausgenutzt.

Entgegen der weit verbreiteten Annahme scheint empirischen Studien zur Folge weder die ethnische-, noch die soziale Schicht-Zugehörigkeit einen Einfluss auf die Häufigkeit sexuellen Missbrauchs zu haben (Finkelhor, 1986; Engfer, 2005).


Folgen für das Kind

Der sexuelle Missbrauch von Kindern stellt nicht nur einen schwerwiegenden Gewaltakt gegen den jungen Körper dar, sondern hinterlässt vor allem auch tiefe Narben in der Psyche des Kindes.
Viele Opfer sehen sich in ihrem Leben immer wieder mit dem Albtraum aus ihrer Kindheit konfrontiert. Nicht selten ist der sogenannte „Sleeper-Effekt“ zu beobachten: Opfer sexuellen Missbrauchs, die in der Kindheit zunächst symptomfrei erschienen, zeigen zu einem späteren Zeitpunkt ihres Lebens- etwa mit zunehmender kognitiver Reife oder mit den ersten sexuellen Partnerschaftserfahrungen (Engfer, 2005)- deutliche Symptome, die großes Leid für die Betroffenen mitbringen. Eine begleitete Aufarbeitung des Traumas kann den Betroffenen Stück für Stück ihre Lebensqualität zurückgeben.

Verschiedene Faktoren können das Entstehen und den Verlauf von Symptomen maßgeblich beeinflussen (Deegener, 2005; Engfer, 2005), unter anderem:

-   Das Alter des Kindes beim (ersten) sexuellen Missbrauch,
-   die Intensität, Häufigkeit und Dauer des sexuellen Missbrauchs,
-   die Beziehung zwischen Täter und Opfer,
-   die Anwendung von Gewalt während des sexuellen Übergriffes,
-   Erfahrungen des Opfers mit weiteren Misshandlungsformen ,
-   die Reaktion des sozialen Umfeldes bei der Enthüllung des sexuellen Missbrauchs,
-   Ressourcen des Kindes, die es vor Symptomen schützen (Resilienz).


Mögliche Symptome

Nachfolgend werden einige Symptome aufgelistet, die bei Kindern und Jugendlichen- unter Beachtung der oben genannten Einflussfaktoren- als Folge von sexuellem Missbrauch auftreten können (vgl. Deegener, 2005; Engfer, 2005):
-   Depression,
-   Substanzmissbrauch,
-   Posttraumatische Belastungsstörung (bei Kindern vor allem in Form von Albträumen),
-   Angst und Furcht,
-   Schul- und Lernprobleme,
-   Verhaltensprobleme (regressives/unreifes, hyperaktives, aggressives Verhalten),
-   geringe Selbstwertgefühle,
-   psychosomatische Beschwerden (z.B. chronische Kopf- oder Bauchschmerzen),
-   sexualisiertes Verhalten (z.B. Promiskuität, nicht altersgemäßes Sexualverhalten)
-   Weglaufen,
-   selbstverletzendes Verhalten,
-   Suizidalität.
Es ist wichtig zu beachten, dass das gleiche Trauma bei verschiedenen Individuen ganz andere Symptome hervorbringen kann. Die Fülle der möglichen Symptome zeigt eindrücklich die schwer- wiegenden Folgen einer solchen Traumatisierung. Dabei scheint die Ausprägung der jeweiligen Symptome altersabhängig zu sein. (Deegener, 2005).

Der sexuelle Missbrauch von Kindern mag in verschiedenen Formen auftreten, doch für die Mädchen und Jungen haben sie alle nur ein Gesicht- das des Grauens und der Angst.
Grund genug, um nicht wegzuschauen und zu helfen.