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Osnabrück, 14.08.2015
Tulane-Bericht: Zahl der arbeitenden Kinder gestiegen – kleine Verbesserungen in einigen Bereichen
Die ausbeuterische Kinderarbeit auf Kakaoplantagen in Westafrika soll spätestens im Jahre 2020 der Vergangenheit angehörigen. So versprachen es zu- mindest Süßwarenindustrie und Regierungen. Der Weg zum großen Ziel scheint nach den neuesten Studien- ergebnissen jedoch nicht kürzer geworden zu sein.
In einer Stellungnahme für uns übt Friedel Hütz-Adams (Foto) vom SÜDWIND-Institut Kritik an der bisherigen Entwicklung und fordert die Erhebung weiterer Daten, um gezielt gegen die Ursachen von Kinderarbeit vorzugehen.

Am 30.07.2015 ist der neue Report der Tulane University (New Orleans) erschienen. Wie schon in der Erntesaison 2007/08 wurden in den Kakaoanbaugebieten Ghanas und der Côte d'Ivoire erneut Tausende Interviews geführt, um das Ausmaß der Kinderarbeit im Kakaoanbau zu erfassen. Die Ergebnisse des „2013/14 Survey Research on Child Labor in the West African Cocoa Sector” belegen, dass nur in wenigen Bereichen Fortschritte erzielt wurden (Studie siehe: www.childlaborcocoa.org; eine recht gute deutschsprachige Zusammenfassung siehe: www.spiegel.de)

Nach den Erhebungen der Tulane University ist die Zahl der arbeitenden Kinder in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Insgesamt haben in der Erntesaison 2013/14 2,26 Millionen Kinder in der Kakaoproduktion gearbeitet. Von diesen wiederum arbeiteten 2,12 Mio. Kinder in einem Umfang,
der laut nationalen Gesetzen und internationalen Abkommen im Rahmen der Vereinten Nationen nicht erlaubt ist, so dass deren Arbeit als verbotene Form von Kinderarbeit eingestuft werden muss.
Darüber hinaus wurde festgestellt, dass 2,03 Mio. Kinder Arbeiten verrichteten, die ihre Gesundheit gefährden und die daher zudem als gefährlich eingestuft werden muss. Verglichen mit den Ergebnissen der Studie vor sechs Jahren stiegen die Zahlen in den drei Kategorien um 440.000, 360.000 und 310.000 betroffene Kinder. Während die Zahl der arbeitenden Kinder in Ghana leicht sank, ist sie in der
Côte d'Ivoire deutlich gestiegen.

Kleine Fortschritte - Unklare Ursachen

Zugleich gab es auch Fortschritte zu berichten. Insgesamt scheint es so zu sein, dass die Arbeitsbelastung vieler arbeitender Kinder in der Tendenz abgenommen hat. Auch ist die Zahl derer gesunken, die gleich mehrere gefährliche Beschäftigungen ausüben, wobei allerdings ausgerechnet die Zahl derjenigen, die mit Pestiziden arbeiten müssen, gestiegen ist. Auch hat sich der Zugang zu Bildung verbessert. In der Elfenbeinküste gehen inzwischen 71 % der im Kakaosektor arbeitenden Kinder zur Schule, in Ghana sind es 96 %.

Es wird wenig über die Ursachen der steigenden Zahl der arbeitenden Kinder gesagt. Unter anderem wird angeführt, dass in beiden Ländern die geernteten Kakaomengen deutlich gestiegen sind. Auch wird darauf verwiesen, dass die Côte d'Ivoire zwischenzeitlich von Bürgerkriegen erschüttert wurde.
Allerdings zeigen die Zahlen über die Situation der Kinder in Ghana, das Friedenszeiten und einen Wirtschaftsaufschwung erlebte, dass dort in einigen Bereichen die Situation noch schlechter ist als in der Côte d'Ivoire.

Viele offene Fragen

Der Bericht ist ein eindeutiger Beleg dafür, dass eine Reduzierung der Kinderarbeit um 70 % bis zum Jahr 2020 eine große Herausforderung darstellt. Eben dies hat die Industrie jedoch im Jahre 2010 versprochen - nachdem sie 2001 bereits eine vollständige Beendigung der Kinderarbeit binnen weniger Jahre angekündigt hatte. Viele Fragen bleiben allerdings unbeantwortet. Als einer der Gründe, warum die Zahl der arbeitenden Kinder in der Côte d'Ivoire stark angestiegen ist, wird die Zunahme der Plantagen angeführt: Heute gibt es dort wesentlich mehr Kakaobauern und Kakaobäuerinnen als noch vor sechs Jahren. Diese neuen ProduzentInnen, falls die Angaben der Tulane University zutreffen, müssten somit auf Plantagen mit noch jungen, relativ ertragreichen Bäumen arbeiten. Wenn dies der Fall ist, warum können sie sich dann keine erwachsenen Arbeitskräfte leisten? Wie sieht es überhaupt aus mit den ökonomischen Ursachen der Kinderarbeit? Arbeiten die Kinder, weil der Anbau von Kakao so geringe Einnahmen erwirtschaftet, dass die Bezahlung erwachsener Arbeitskräfte oft nicht möglich ist? Falls diese Frage mit „ja“ beantwortet werden muss: Wo sind die Ansatzpunkte für Verbesserungen? Eine Steigerung der Produktivität? Eine Diversifizierung des Anbaus auf andere Produkte? Sind höhere Kakaopreise nötig, um die Kinderarbeit zu beenden? Oder vielleicht alle drei Dinge auf einmal, wie in der Studie „Kakao Barometer 2015“ vorgeschlagen wird?

Die Diskussionen um diese Fragen laufen seit Jahren. Daher ist es sehr schade, dass bei den umfangreichen Recherchen für die Tulane-Studie hauptsächlich die Zahl der arbeitenden Kinder ermittelt wurde, nicht jedoch Daten über die Einkommenssituation der Familien und deren Lebensumstände erhoben wurden.

Auf die Rolle der Regierungen der Anbauländer geht die Studie ebenfalls kaum ein. Wie kann es sein, dass rund die Hälfte der Kinder die Schule abschließt, doch wie in der Studie belegt in ihrer Schulzeit äußerst wenig gelernt hat? Was muss getan werden, um die Qualität der Bildung zu verbessern und allen Kindern eine gute Bildung zugänglich zu machen?

Mehr Daten erforderlich

Diese und viele andere offene Fragen lassen sich nur beantworten, wenn endlich genauer untersucht wird, welche Faktoren sowohl auf der ökonomischen als auch auf der sozialen Ebene zur Kinderarbeit führen - und was die hiesige Kakao- und Schokoladenindustrie tun kann, um diese Faktoren zu beeinflussen. Daher müssten die Ergebnisse der Tulane-Studie dazu führen, unverzüglich daran zu gehen, mehr über die Lebenssituation der Menschen herauszufinden. Erst dies wird ermöglichen, gezielt gegen Ursachen der Kinderarbeit vorzugehen.
Ein Schritt zu Verbesserung der Datenlage wäre, wenn Unternehmen und Forschungsstellen endlich die Informationen öffentlich zugänglich machen würden, die sie über die Situation in den Kakaoanbaugebieten gesammelt haben.

Eben dies ist eines der Ziele des deutschen Forum Nachhaltiger Kakao, einer 2012 Multistakeholder-Initiative mit Mitgliedern aus Industrie, Handel, Politik und Zivilgesellschaft (inklusive SÜDWIND).
Doch nur sehr wenige Unternehmen machen Daten über die Entwicklungen in von ihnen geförderten Projekten öffentlich zugänglich. Bemühungen auf der internationalen Ebene, die von der World Cocoa Foundation vorangetrieben wurden, führten ebenfalls noch nicht zu einer grundlegenden Verbesserung der Situation. Dabei ist dringend erforderlich, dass Unternehmen und Regierungen genügend Mittel zur Verfügung stellen, um die Lebenssituation der Bäuerinnen und Bauern in weiteren Studien umfassend zu untersuchen - und diese Daten zu veröffentlichen. Dies sollte schnell geschehen und dazu führen, dass die vielen Projekte in den Kakaoanbaugebieten, die von Unternehmen Nichtregierungsorganisationen, der Entwicklungszusammenarbeit und den lokalen Regierungen betrieben werden, so konzipiert werden können, dass die Lebenssituation der Kinder und ihrer Familien nachhaltig verbessert werden kann.